Dr. Hans-Rudolf Lutz, Kantonsrat, Lostorf (SO)
Als Beweis für die Gefährlichkeit der Kernkraftwerke werden immer wieder die Katastrophe von
Tschernobyl im Jahre 1986 und der Störfall von Three Mile Island (TMI) im Jahre 1979 erwähnt.
Gewiss, Tschernobyl war eine Grosskatastrophe, deren Hauptursache im menschenverachtenden System
der damaligen Sowjetunion zu suchen ist. Saufen am Arbeitsplatz, Angst selber Entscheide zu
fällen, Vertuschen von Störfällen statt Lehren daraus zu ziehen, mangelnde Sorgfalt bei
Konstruktionen und Bauarbeiten, usw. gehörten zum sowjetischen Alltag.
Bereits im Jahre 1957 war es zu einer verheerenden Explosion in einer Tankanlage mit flüssigen
radioaktiven Abfällen und grossräumiger Verstrahlung gekommen. Dieser Unfall blieb aber mehr
als 20 Jahre unbekannt. Das System hielt dicht! Auch bei Tschernobyl wurden erst konkrete Fakten
bekannt gegeben, nachdem in schwedischen Kernkraftwerken Strahlenschutzmonitore ohne
offensichtlichen Grund über den Alarmpegel anstiegen.
Heute kennt man die Ursachen, Ablauf und Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe sehr genau,
und es gilt als absolut gesichert: eine derartige Katastrophe mit diesen kontinentalen Auswirkungen
kann in einem Leichtwasserreaktor westlicher Bauart aus prinzipiellen und physikalischen Gründen
nicht passieren.
Ein Zahlenvergleich Tschernobyl/TMI soll dies in vereinfachter Weise zeigen:
In Tschernobyl entwichen nach einer explosionsartigen Zersetzung des Brennstoffs mit
anschliessenden Knallgasexplosionen, die das Gebäude zerstörten und einem Brand des Graphit-Moderators
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an langlebiger Radioaktivität. Diese wurde wegen des thermische Auftriebes, verursacht durch
das Feuer, hoch in die Atmosphäre getrieben und von dort mit wechselnden Winden weiträumig
verfrachtet. Man erinnert sich: Rentierfleisch in Lappland und Pilze im Tessin durften wegen des
zu hohen Cäsium-137-Gehalts nicht mehr gegessen werden.
Beim Störfall von Three Mile Island wurden total
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kontrolliert in die Atmosphäre abgegeben, d.h. eine Million mal weniger als in Tschernobyl.
Dies dank der funktionierenden Sicherheitsvorkehrungen und des völlig andern Typs von Vorfall.
Der Brennstoff zerbarst nicht explosionsartig, sondern erhitzte sich wegen mangelhafter Kühlung
relativ langsam, bis es zu einem teilweisen Schmelzen kam. Die Leichtwasserreaktoren westlicher
Bauart, wie sie auch in der Schweiz verwendet werden, haben Sicherheitsvorkehrungen, die einen
solche Störfall beherrschen. Insbesondere der Sicherheitsbehälter (Containment) sorgt dafür,
dass Radioaktivität, die aus dem Brennstoff (1. Barriere) und dem Druckgefäss (2. Barriere)
entweicht, nicht unkontrolliert in die Umgebung gelangen kann.
Tschernobyl hatte keinen Sicherheitsbehälter und auch keine Vorkehrungen zum Verhindern
von Knallgasexplosionen. Nach der Katastrophe wurde ein sog. Sarkophag um die zerstörte
Anlage gebaut, um weiteres Entweichen von tonnenweise vorhandenem radioaktivem Staub zu
verhindern. Dieses post-festum-Containment muss fairerweise als Meisterleistung russischer
Ingenieure und Bauunternehmen bezeichnet werden. Heute leckt allerdings dieser Sarkophag und
er wird in Etappen repariert und ersetzt. Die Kosten allein dafür betragen gegen 800
Millionen Dollar - hinzu kommen die -zig Milliarden Dollar Unfallfolgen.
Bei der Tschernobyl-Katrastrophe starben 34 Kraftwerksmitarbeiter direkt an den Folgen des
Unfalles und eine wohl weit grössere (aber nicht bekannte) Zahl von Menschen der Umgebung
und der Aufräumungsequipen an Spätfolgen. In Three Mile Island kam weder ein Reaktoroperateur,
noch irgend ein anderer Mensch zu Schaden. Der Reaktorteil des Kraftwerks hingegenist
unbrauchbar. Der materielle Schaden beträgt mehr als eine Milliarde Dollar.
In den rund 400 westlichen Leichtwasserreaktoranlagen (darunter auch die 5 Schweizer
Kernkraftwerke) ereignete sich seit dem TMI-Störfall im Jahre 1979 kein Unfall oder
Störfall, bei dem Radioaktivität in grösseren Mengen in die Umgebung entwich. Das
akkumulierte Erfahrungspotenzial beläuft sich mittlerweile weltweit auf über 10'000
Reaktorbetriebsjahre. Sämtliche Kernkraftwerke mindestens der westlichen Welt haben
Zugang zu allen Informationen über Störungen, Fehlschaltungen, Leckagen, Maschinenbrüchen
etc in Reaktoren ihres Typs und können damit ihre Sicherheitskultur immer weiter verbessern.
Die Schweizer Anlagen besitzen dabei einen besonders guten Ruf. So hat die Anlage Mühleberg
seit 1978 ununterbrochen die jährlich zu vergebende Auszeichnung für "outstanding
performance" vom Reaktorlieferanten General Electric erhalten.
Der sichere Betrieb mit den hohen Verfügbarkeits- resp. Produktionsergebnissen wirkt sich
auch auf die Wirtschaftlichkeit positiv aus. Im Kernkraftwerk Gösgen z.B. wird der Strom
mittlerweile zu 4 Rappen pro Kilowattstunde produziert.
Zum Schluss ein paar Worte zur Sicherheit gegen Terroranschläge. Zunächst gilt die generelle
Feststellung: "Es gibt keine Industrieanlagen, die so gut gegen Einwirkungen Dritter geschützt
sind wie Kernkraftwerke". Wie die Sicherheits- wurden auch die Sicherungsmassnahmen seit den
70er Jahren sukzessive den neuesten Bedrohungsszenarien angepasst. So ist z.B. die Zahl der
Wächter heutzutage vergleichbar mit derjenigen der Schicht-Betriebsequipen.
über die weiteren Anti-Terror-Massnahmen wird (richtigerweise) nichts veröffentlicht.
Allerdings, ein Angriff à la World Trade Center in New York könnte nie zur Zerstörung
eines Druckgefässes und der Verstreuung von Radioaktivität führen. Die massiven
Beton-Strukturen, die das Herz des Reaktors umgeben, verhindern dies seit jeher.
Fazit: die Schweizer Kernkraftwerke liefern täglich den Beweis ihrer Sicherheit. Sie
können ohne Bedenken weitere 30 oder 40 Jahre betrieben werden. Ein vorzeitiges
Abstellen wäre sowohl ein ökologischer wie auch ökonomischer Schildbürgerstreich
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